Einladung an die Waghalsigen!

„Es war offen, also trat ich ein.“

Ben Lerner, Die Lichtenbergfiguren

Lesungen, wie sie in Literaturhäusern, Clubs und natürlich auf Festivals stattfinden, verheißen nicht nur den berühmten einen Blick ins Buch, dem sinnvollerweise zwei ins Leben folgen sollten. Sie versprechen auch eine besondere Form der Intimität, das Überraschende, nicht Planbare: auf der Bühne genauso wie davor. Erinnern Sie sich an das vorfreudige Geraschel im Saal, kurz bevor das Bühnenlicht angeht? An konzentriertes Gemurmel, ja Gelächter? Während im letzten Herbst deutschlandweit Veranstaltungen abgesagt werden mussten, wurde in Leipzig aufgrund niedriger Inzidenzen gelesen, buchstäblich bis zum Lockdown. Inzwischen geben die Fortschritte bei der Bewältigung der Pandemie Anlass zur Hoffnung auf ordentlich Live-Atmosphäre.

Die Sicherheit unserer Autorinnen und Autorinnen, unserer Besucherinnen und Besucher steht jedoch an erster Stelle, was hin und wieder zu ungewollten Einschränkungen führt: Tsitsi Dangarembga, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, die am Tag nach ihrer Paulskirchen-Ehrung aus Frankfurt nach Leipzig kommt, werden Sie nur im Livestream erleben können. Dennoch freuen wir uns auf eine Woche, die die ganze Bandbreite dessen bietet, was Literatur will und kann – kühn und poetisch, literarisch klug, politisch.

Das reicht vom Auftritt der gefeierten Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert im Literaturhaus bis zur Begegnung von PeterLicht mit dem Leipziger DJ und Entertainer Donis; auf der Bühne des UT Connewitz wagen die beiden den Spagat zwischen Hochkultur und Show. Neben bewährten Herbst-Formaten wie „Beste erste Bücher“, dem „Lyrikhotel“ oder dem gemeinsamen Campus-Programm mit der Literaturzeitschrift Edit und der Galerie für Zeitgenössische Kunst freuen wir uns auf neue Kooperationen, neue Orte: Einen hochkarätigen Krimiabend in der LVZ-Kuppel etwa oder die Leipziger Poetikvorlesung mit Rosa von Praunheim, einem Pionier des queeren Kinos, die das Festival im Paulinum beschließen wird.

Ab sofort haben wir auch einen eigenen Podcast: Mit den „Herbst Tapes”, einem Best-of des letzten Jahrgangs, zu abonnieren auf Spotify & Co., lässt sich die Wartezeit bis zum Festivalstart Ende Oktober sinnvoll verkürzen. In „Einladung an die Waghalsigen“, einem Roman, in dem Dorothee Elmiger eine atemberaubende Parabel über das Ende der Welt und die Wiederauferstehung eines Häufleins rebellischer Übriggebliebener konstruiert, rüstet man am Ende zu einem Fest, das Hoffnung auf Zukunft birgt: „Wir werden zahlreiche Gäste einladen, unter anderem viele Montanwissenschaftler, Archäologinnen, eine Einheit Feuerwehrmänner, Vertreter und Vertreterinnen der Künste, die Bergleute aller Kontinente, einen Typografen, mehrere junge Waghalsige.“ Manchmal entsteht, buchstäblich aus dem Nichts, eine Welt aus Worten, souverän und originell. Wir sind gespannt auf diesen Literarischen Herbst. Und freuen uns auf Sie, auf euch, unsere waghalsigen Gäste.

Jörn Dege, Nils Kahlefendt, Anja Kösler und Claudius Nießen